Ihre Anzahl betrug genau zweiundvierzig. Nie kamen Marc auch nur die geringsten Zweifel, dass diese Zahl falsch sein könnte, und er hätte es am liebsten jedem erzählt, egal ob der Betreffende es hören wollte oder nicht. Zweiundvierzig Männer, nicht mehr und nicht weniger und alle bereit – aber bereit wofür?
Genau darin lag das Problem: Marc wußte es nicht. Was hatte es mit diesen Männern auf sich? Was hatten sie getan? Warum hatten sie sich in sein Gedächtnis eingebrannt?
Seit Jahren erzählte er jedem, dem er vertrauen zu können glaubte, von seiner mißlichen Lage und bat um Hilfe, aber niemand konnte ihm je helfen. Niemand wußte eine Antwort auf seine Fragen, und schlimmer noch: mit der Zeit spürte Marc, wie man ihn mit jenem Blick bedachte, der normalerweise kleinen Kindern und älteren Menschen vorbehalten war.
“Ja ja”, sagte dieser Blick, “red’ du man.” Also erzählte Marc niemandem mehr von seinem Problem, obwohl es dadurch nur noch Schlimmer wurde.
Zweiundvierzig Männer. Er kannte das Aussehen eines jeden einzelnen von ihnen, denn er hatte ein gutes Personengedächtnis, nur mit den Namen haperte es.
Zweiundvierzig Männer.
Nachts wälzte Marc sich unruhig von einer Seite auf die andere.
Zweiundvierzig Männer.
Da waren einige Bilder, an die er sich erinnerte: eine Versammlung etwa, in einem dunklen Gemäuer bei Kerzenschein. Die Männer beugen sich über einen Tisch, auf dem eine Karte liegt, oder ein Plan, den Marc leider nicht erkennen kann. Einer redet und die anderen hören angespannt zu – zweiundvierzig Köpfe, deren Schatten von der Kerze in der Tischmitte an die Wände geworfen werden.
Es war einfach zum Verzweifeln!
Wie lange schon lebte Marc in der wilden Hoffnung, früher oder später einem der Männer zu begegnen und ihn dann zur Rede stellen zu können? Wenn er durch die Straßen ging, sah er jedem Mann, der seinen Weg kreuzte, intensiv ins Gesicht, um sie mit denen in seinem Kopf zu vergleichen, aber nie hatte er Erfolg.
Zweiundvierzig Männer – und nicht einen sah er wieder. Außer in seinen Träumen. Da schritten sie eine breite Straße entlang ihrem Ziel entgegen, ohne militärische Ordnung und dennoch voller Würde und Macht. Entschlossen. Der Wind spielte mit ihren Haaren und ihren langen Mänteln. Zweiundvierzig Augenpaare nach vorn gerichtet. Marc hätte alles gegeben, um zu erfahren, wohin es sie führte.
“Warum laßt ihr mir nicht endlich meinen Frieden?”, flehte er, “warum quält ihr mich so?”
Schließlich faßte er einen Entschluß: wenn es eine Möglichkeit gab, ihm zu helfen, dann die der Psychatrie, also begab er sich in Behandlung. In seiner ersten Sitzung erzählte er dem Therapeuten von seinem Problem und dieser hörte aufmerksam zu.
“Das ist wirklich sehr interessant”, bemerkte er, nachdem Marc zum Ende gekommen war. “Ich erinnere mich an einen ähnlichen Fall, den ich vor vier, fünf Jahren behandelt habe. Ein etwas älterer Herr kam zu jener Zeit in meine Behandlung und berichtete mir von seinem Problem. Er erinnerte sich ebenfalls an eine – sagen wir mal – Aktion, ohne zu wissen, worum es dabei ging. Nur bei ihm waren es keine zweiundvierzig Männer, sondern einhundertachtundsechzig Frauen, und alle in heiratsfähigem Alter.”
Hundertachtundsechzig Frauen! Marc konnte gut nachempfinden, was dieser arme Kerl durchgemacht haben mußte. Hundertachtundsechzig Frauen, die sich in die Erinnerung eingebrannt hatten, ohne zu wissen, warum und wodurch.
“Da bin ich mit meinen zweiundvierzig Männern ja noch ganz gut dran”, freute er sich.
Aber einen Moment! Was wäre, wenn seine zweiundvierzig Männer mit den hundertachtundsechzig Frauen in irgendeinem Zusammenhang standen.
Marc glaubte, sich an etwas zu erinnern.
In dieser und den folgenden Nächten schlief Marc noch schlechter.
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